Universidad Carlos III, Madrid
1. Lehrangebot, Kurswahl, Kursinhalte, Betreuung
In diesem Zusammenhang zunächst ein Wort zur Universität Carlos III im allgemeinen. Es ist eine sehr junge öffentliche Uni, die aber offensichtlich mit starken
Finanzspritzen ausgestattet wird. Die Klassenstärke ist niedrig, ca. 30 Personen, die Ausstattung (Bibliothek, Computer) ist sehr gut. Die Universität genießt in Spanien
einen sehr guten bis elitären Ruf.
Unser Eindruck war, daß das ganze System sehr verschult ist. Zwar stimmt es nicht, daß man im Unterricht jedes Wort wörtlich mitschreibt und es gibt auch keine
Anwesenheitspflicht, aber insgesamt herrscht ein Schulklima vor, das vom "Feindbild Lehrer" geprägt wird. Der Grund dafür liegt auch darin, daß spanische Studenten im
allgemeinen jünger und somit auch etwas kindischer sind als deutsche.
Erasmusstudenten können alle Pflicht- und Wahlfächer der 4 Jahrgänge besuchen. Pflichtfächer sind vierstündig, wobei in einer Stunde meist sog. "practicas" stattfinden. Das
ist vergleichbar mit unseren Ergänzungsvorlesungen, nur daß nicht wirklich Fälle gelöst werden, sondern mehr allgemeine Fragen in Zusammenhang mit einem Sachverhalt
besprochen werden. Das Inhaltsverzeichnis des Kurses und die "practicas" muß man selbst beim uniinternen Copyshop kaufen. In den Klassen kursieren meist sog. "apuntes",
Mitschriften von früheren Jahrgängen. Diese sind sowohl während des Jahres zum Mitlesen, als auch zur Vorbereitung der Examina sehr hilfreich. Was nun die konkrete Kurswahl
angeht, so liegt es natürlich ganz an einem selbst, was man machen möchte. In den Pflichtfächern gibt es verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Professoren, die man als
Erasmusstudent auch frei wählen kann. Wir haben uns für Derecho Internacional Publico, Derecho Constitucional III und Derecho Administrativo entschieden.
Derecho Internacional Publico
Der Kursinhalt entspricht dem allgemeinen Völkerrecht. Es geht also um Subjekte und Quellen des Völkerrechts, Staatenimmunität, internationale Organisationen, etc. Der
Professor heisst Fernando M. Mariño und hat auch, wie sollte es anders sein, gleich selbst das Standardwerk zu diesem Thema in spanischer Sprache verfasst. Der Unterricht
ist bisweilen etwas ermüdend, wenn man sich für dieses Thema interessiert aber dennoch lohnenswert. Die Bearbeitung der "practicas" wird in die Endnote mit einberechnet. Die
Prüfung ist für Erasmusstudenten auf Wunsch mündlich.
Derecho Constitucional III
Der Kursinhalt entspricht der Staatsrecht II-Vorlesung. Thema sind also die Grundrechte. Es gibt zwei Standardlehrbücher, die man aber bestens durch "apuntes" ersetzen kann.
Die Professorin heißt Ascensión Elvira Perales. Sie ist sehr erasmus- und im besonderen deutschenfreundlich eingestellt. Der Unterricht kann mitunter sehr interessant sein.
Wir haben zwei Referate gehalten, was sich am Ende sicher nicht negativ auf die Prüfung ausgewirkt hat. Diese bestand dann aus einem Multiple-choice-Test, einem "caso
practico" und einer mündlichen Prüfung.
Derecho Administrativo
Der Kursinhalt ist nicht vergleichbar mit dem des allgemeinen Verwaltungsrechts. Vielmehr geht es hier um allgemeine Staatsprinzipien, Rechtsquellen, Verwaltungshandeln im
allgemeinen, also die absoluten basics. Die Lehrbücher sind allesamt riesige Wälzer, deren Lektüre einem den Stoff nur bedingt näher bringt. Unser Professor war ein gewisser
Alfonso Arevalo Gutierrez, der aber nicht ständig an der Carlos III beschäftigt ist. Um zur Prüfung überhaupt antreten zu können, mussten wir einen Multiple-choice-Test und
eine Hausarbeit schreiben. Die Prüfung selbst bestand aus 4 allgemeinen Fragen, z. B. nach dem Begriff "Subvention".
Sprachkurse
Es werden drei verschiedene Sprachkurse angeboten: allgemeines Spanisch Nivel 1 und Nivel 2 sowie Spanisch für Juristen. Die Qualität der Sprachkurse hängt dabei sehr stark
vom Lehrer ab. Während zum Beispiel in Nivel 2, das eigentlich schwerer sein sollte, Wortschatzübungen mit Bildern gemacht wurden, wurden in Nivel 1 nicht allzuleichte
Grammatikübungen gemacht.
Sonstiges
Über andere Kurse können wir selbst nur aus zweiter Hand berichten. Man sollte aber wissen, daß die Anfängerkurse sowohl in Zivil-, Staats-, wie auch Strafrecht doch ein
sehr niedriges Niveau haben. Dem Professor von Derecho Internacional Privado, Calvo Caravaca, eilt aber ein sehr guter Ruf voraus.
2. Anerkennung
Was die Anerkennung der Studienleistungen in Regensburg angeht, sind wir im Grunde genommen zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls noch überfragt, da unsere Leistungen noch nicht
anerkannt sind. Die entscheidende Anlaufstelle für diesbezügliche Informationen ist Herr Olszewski am Dekanat. Seinen Auskünften zufolge ist für die Anerkennung eines
ordentlichen Studiums (also des Erasmusstipendiums) eine Leistung im Ausland erforderlich, für die Anerkennung eines "grossen Scheins" sind es zwei. Diese Leistungen können
schriftlich, mündlich oder in Form einer Hausarbeit erbracht werden. Wichtig ist, daß sie bestanden sind und daß aus den Unterlagen hervorgeht, was Umfang und Inhalt des
besuchten Kurses waren. Natürlich müssen die Leistungen in dem Bereich erbracht werden, in dem man sich den Schein anerkennen lassen will. Wir waren eigentlich nicht mit der
Absicht nach Spanien gegangen, uns einen Schein anerkennen zu lassen, da wir befürchteten, daß uns das zuviel Zeit kosten würde. Schliesslich ist es aber so, daß man, wenn
man nicht nur dem Partyleben frönt, ohnehin mindestens zwei Kurse besucht, und da liegt es natürlich auf der Hand sich die jeweiligen Examina auch anerkennen zu lassen. Wir
wollen damit nicht sagen, daß es unerwartet einfach gewesen wäre, aber mit ein bisschen Anstrengung müßte es möglich sein, die entsprechenden Leistungen zu erbringen.
3. Unterkunft
Mit den Einschreibungsunterlagen bekommt man auch ein Formular vom Studentenwohnheim "Residencia Fernandez de los Rios" zugeschickt, damit stellt sich gleich die Frage, wo
man wohnen möchte. Wir, und auch fast alle Bekannten, die dort einige Zeit gewohnt haben, empfehlen eindeutig, sich lieber eine Wohnung in Madrid zu suchen, als den auf den
ersten Blick bequemen Weg des Studentenheims zu wählen. Die Residencia ist nicht mit einem Regensburger Wohnheim zu vergleichen!
Sie ist zwar sehr sauber, sicher, komfortabel und direkt neben der Uni, aber auf der anderen Seite auch sehr teuer, außerdem teilt man sich ein einziges Zimmer mit
Einbauküche und ein Bad mit einem Mitbewohner, der oft ein anderer Erasmus-Student ist, aber auch ein(e) Spanier(in) sein kann. Dabei sollte man aber wissen, daß die Plätze
in der Residencia für spanische Studenten nach Noten vergeben werden, es sich also bei den spanischen Mitbewohnern zumeist um sehr strebsame Naturen handelt.
Der größte Nachteil der Residencia ist allerdings wohl, daß man eben in Getafe wohnt und nicht in Madrid. Der letzte Bus von Madrid nach Getafe fährt um halb zwei (danach
fahren unregelmäßig etwa alle zwei Stunden Nachtbusse). Das ist für Madrider Verhältnisse, vor allen Dingen am Wochenende, sehr früh.
Wir empfehlen also eindeutig, eine Wohnung in Madrid zu suchen. Am besten tut man das vor Ort, indem man sich in einer Pension einmietet und ein paar Tage auf Suche geht.
Wohnungsanzeigen findet man zuhauf in der Second-Hand-Zeitung "Segundamano", die Montags, Mittwochs und Freitags erscheint. Man sollte sich aber möglichst früh am Tag ins
Rennen schmeissen, denn obwohl immer viele Wohnung im Angebot sind, sind die richtig schönen doch sehr schnell weg.
Der normale Weg zur Uni führt unausweichlich über Atocha, den großen Bahnhof im Süden von Madrid. Eine Wohnung sollte also nicht allzu weit von diesem Bahnhof entfernt sein,
alles südlich von Plaza Mayor und nördlich der M-30 ist gut. In der Segundamano sollte man also vor allen Dingen nach Wohnungen in den Stadtteilen "Atocha, Embajadores,
Plaza St.Ana, Latina, Lavapies, Retiro, Sol, Tirso de Molina" suchen. Selbstverständlich kann man auch in anderen Stadtteilen fündig werden, dort sollte man aber auf gute
Anbindung an das ausgezeichnete Metro-Netz achten.
Die Miete sollte zwischen 30.000 und 45.000 Ptas liegen (360-540 DM), auch sollte man bei der Wohnungsbesichtigung immer nach den "gastos", also den Nebenkosten inkl. Licht
und Wasser, fragen. Mietverträge gibt es normalerweise nicht, eine Monatsmiete Kaution ("fianza") ist üblich.
4. Formalitäten
Der in Deutschland auszufüllende Kurswahl-Zettel ist für die Kurswahl an der Carlos III unerheblich, man erhält bei der Begrüßungsveranstaltung ein weiteres Formular und
vier Wochen Zeit, sich seine Kurse auszusuchen. Auch diese zweite Wahl ist nicht verbindlich, als Erasmus-Student genießt man an der Universidad die Freiheit, sich ohne
Kontrolle anhören zu können, was man möchte. Wir empfehlen, sich möglichst viele Kurse anzuschauen und auch den Professor zu wählen, der einem zusagt, dabei aber im Auge zu
behalten, daß die Kurse zu der Zeit schon laufen, man sich also nicht zuviel Zeit nehmen sollte.
Hat man seine Kurswahl abgegeben, erhält man nach einigen Tagen seinen Studenten-Ausweis, den man aber nur zum Ausleihen von Büchern und für Sportkurse u.ä. benötigt. Die
sogenannten "Fechas", also die Karteikarten, die man von sich für jeden gewählten Kurs abgeben soll, sind meist nicht nötig.
Ein Bankkonto ist möglicherweise überflüssig, da alle Geldgeschäfte, auch Miete, etc. bar abgewickelt werden, eine EC-Karte kommt einen nicht unbedingt teurer, als in Madrid
ein Konto zu eröffnen. Falls man aber ein Konto vor Ort haben möchte, ist die Bank in der Universität zu empfehlen, da man in allen anderen Banken eine Gebühr für die
Erstellung eines "no residencia"-Dokuments (das bestätigt, daß man keinen gemeldeten Wohnsitz hat) bezahlen muß. Mietverträge sind nicht üblich, Versicherungsfragen sollte
man auf jeden Fall mit der eigenen Versicherung in Deutschland klären; da Spanien auch ein EU-Land ist, ergeben sich aber nur wenig Probleme.
5. Sonstiges
Auf eine Darlegung der Argumente, die für einen Aufenthalt im Ausland, in Spanien oder in Madrid sprechen, sei hier verzichtet, Madrid ist eindeutig und unübersehbar das
Zentrum von Spanien, und zwar politisch, kulturell, geschäftlich und in vielen anderen Aspekten ebenso. Es ist eine Stadt, in der 24 Stunden pro Tag etwas passiert, die
einem unglaublich viele Möglichkeiten bietet und die in einem halben Jahr sicher niemals langweilig wird.
Getafe liegt im Süden. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind ausgezeichnet und billig (z.B. die Cercania braucht von Atocha nach Getafe ganze 12 min), wir empfehlen daher ein
Monats-Abo Bus-Metro-Cercania zu kaufen, das etwa 5000 Ptas pro Monat kostet und schon einige Tage vorher bestellt werden kann und sollte. Ein Abo nur für die Cercania
kostet 3500 Ptas, ein Zehnerstreifen für die Metro kostet 705 Ptas. Taxis sind sehr billig.
Für den Zugang zum Internet an der Uni benötigt man keinen Studentenausweis o.ä., man kann sich in den Computerräumen der Uni jederzeit an einen freien Computer setzen,
solange dort gerade keine Kurse abgehalten werden. Ausdrucken kann man ebenfalls von jedem Computer.
Bei der Begrüßungsveranstaltung erhält man auch eine Broschüre über das Angebot an Freizeitveranstaltungen an der Uni, diese reichen von einer Uni-internen Fußball-Liga bis
zu einem Fotokurs oder philosophischen Zirkeln und sind allesamt zu empfehlen, ebenso der Erwerb des "Taco". Außerdem existiert auch an der Universität Carlos III eine
"Tuna", also eine der Musik-Studentenverbindungen Spaniens, mit ein bißchen Charme und musikalischem guten Willen kann man mit denen so interessante (und vor allen Dingen
fast kostenlose) Fahrten wie einen Ausflug nach Sevilla zum großen spanienweiten Tuna-Wettbewerb mitmachen.
Bücher braucht man sich nicht bzw. nur wenige zu kaufen, da die Literatur in der Bibliothek ausreichend vorhanden ist. Dieses Angebot sollte man auch wahrnehmen, da vor
allen Dingen am Anfang der Schlüssel für den Erwerb der nötigen Sprachkenntnisse "Lesen, lesen, lesen" heißt.
Alles in allem empfehlen wir, die Zeit vor Weihnachten hauptsächlich dazu zu nutzen, Madrid zu erleben und zu erkunden, viel zu reisen, viel zu sehen und dafür lieber im
Januar intensiv auf die Examina zu lernen.
Enno Behrendt / Quirin Vergho
Kontakt:
ennob@gmx.de