Jurawelt

Artikel 5485
Dr. Martin Bahr

Soziologische Untersuchung zur deutschen Lokalpresse

Eine Rezension zu:

Manfred Hintze

Lokalpresse - Quo vadis ?

Defizite und Erfolgspotentiale

Deutscher Fachverlag, Frankfurt a.M. 2002, 139 Seiten, 42,- €
ISBN 3-87150-770-9

http://www.dfv.de


Der Autor Manfred Hintze ist seit fast 40 Jahren für deutsche Medien tätig. Seit 1988 berät er verschiedene Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, seit 1994 nimmt er einen Lehrauftrag für Medienwirtschaft wahr. Insgesamt also ein Kenner der Materie.

Zunächst berichtet Hintze über den Zeitungsmarkt im ländlichen Raum. Er präsentiert dabei eine Vielzahl von wichtigen Fakten, die als Grundlage für die spätere Untersuchung dienen: Marktkriterien, Gesellschaftsstrukturen, Kommunikationsprozesse und Wertorientierungen. Seinen empirischen Beobachtungen und Einschätzungen liegt eine beachtliche wissenschaftliche Feldforschung zugrunde: sieben Jahre praktische Beratungstätigkeit bei 26 lokalen Tageszeitungen, 2 ½ journalistische Auswertung der gesamtdeuschen Lokalpresse (1999- 2001), Befragung von über 3.000 repräsentativen Lesern und Gespräche mit knapp 200 Schlüsselpersonen in öffentlichen Ämtern, aus der Verlagswirtschaft oder aus Verbänden.

Dabei treten viele überraschende Fakten zu Tage. So lebt der größere Teil der deutschen Bevölkerung (ca. 60% = 50 Mio. Menschen) in ländlichen Gebieten. 93% der Gemeinden oder 80% der Fläche der Bundesrepublik sind als ländlich einzustufen.

In den meisten Gemeinden nimmt die Tageszeitung eine zentrale Rolle als lokales Informationsmedium ein. Dennoch sind die Auflagenzahlen der meisten lokalen Printerzeugnisse in den letzten Jahren rückläufig. An genau diesem Punkt setzt die kritische Betrachtung von Hintze an. Er kommt zu dem interessanten Ergebnis, dass der Wertewandel zu Beginn der siebziger Jahre mit seiner Betonung auf individuelle Selbstentfaltung im ländlichen Bereich nach wie vor sehr stark ist. Anders als in urbanen Gebieten, in denen diese Entwicklung längst ihren Höhepunkt überschritten hat und nun eine Mixtur aus traditionellen und neuartigen Werten erkennbar wird.

Aufgrund dieser freiheitsbezogenen Tendenzen im ländlichen Raum besteht bei den meisten Menschen aus diesen Gebieten ein gesteigertes Bedürfnis nach umfassender, kausaler und finaler Erklärung lokalen Geschehens. Sie wollen keinen bloßen "Verlautbarkeits-Joorunalismus", d.h. die unkommentierte Wiedergabe von Ereignissen, sondern eine kritische, erklärende Berichterstattung.

Diesem besonderen Informationsbedürfnis werden die derzeitigen Lokalzeitungen nur in geringem Umfang gerecht. Wenig erstaunlich ist daher, dass bis zu 50% der Leser beginnen, mit der Lokalpresse unzufrieden zu werden.

Das große Verdienst von Hintze ist, dass es ihm in leicht verständlicher Art und Weise geliegt, die zugrundeliegenden Ursachen und Gründe hierfür aufzuzeigen: Anders als der Journalist im urbanen Gebiet steht der lokale Journalist unter besonderen Zwängen. Er ist häufig abhängig von entfernt residierenden Verlegern oder zentralen Chefredakteuren. Auch besitzt er in aller Regel enge Etat-Grenzen, die eine kritische Nachforschung von vornherein unterbinden. Zutreffend zeigt der Autor auch die besondere Abhängigkeit von Kommunalpolitikern und lokalen Wirtschaftsgrößen aus. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Hintze zu dem außerordentlich negativen, aber sachlich begründeten Ergebnis kommt, dass die Lokalpresse in der bundesrepublikanischen Geschichte eine Geschichte mit sehr vielen Defiziten ist.

Der Band bleibt nicht bei der bloßen Problembeschreibung stehen, sondern zeigt auch Lösungsmöglichkeiten auf. Hintze plädiert für eine geringere persönliche und finanzielle Abhängigkeit des einzelnen Journalisten und der Lokalredaktion (erweiterte Recherche-Etats, gehobenes Selbstbewußtsein). Nur so könne eine kritisch-distanzierte Berichterstattung gewährleistet werden. Auch dem besondere Wunsch der jugendlichen Leser nach mehr Selbstentfaltungsthemen müsse entsprochen werden. Der Autor zeigt dabei anhand dreier konkreter Beispiele auf, dass eine Umsetzung dieser Forderung in der Praxis möglich ist - und auch zum entsprechenden Erfolg führt.

Gesamteindruck:
Ein außerordentliches interessantes Werk, das gleich durch mehrere Punkte besticht. Dies ist zum einen die stark wissenschaftliche Problemanalyse. Der Autor belegt seine Argumentation durch zahlreiche fundierte Fakten und bereit diese für den Leser in ansprechender Weise auf. Zum anderen überzeugt der Verfasser durch seinen praxisnahen Lösungsvorschlägen. Hier werden keine gedanklichen Luftschlösser gebaut, sondern dem einzelnen Betroffenen praktikable Herangehensweisen vorgeschlagen. Lokalpresse - Quo vadis ? ist somit ein Band, der allen nur wärmstens ans Herz gelegt werden kann, die in irgendeiner Weise mit Lokalzeitungen in Deutschland zu tun haben.
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