01.02.2005
Der Ball ist bunt
Dieses Jahr kommt einfach alles zu früh, das begann schon mit dem
1. Januar. Ich für meinen Teil machte jedenfalls noch Ferien, daher gab es auch keinen Text zum
Jahresbeginn. Der nächste Überfall drohte mir schon kurz darauf seitens der klassischen Ballsaison, die sich mehr oder weniger an den Karnevalsterminen orientiert, und zwar
selbst dann, wenn die
fünfte Jahreszeit aufgrund regionaler Besonderheiten eher mit Befremden zur Kenntnis genommen wird.
Für Juristen ist die Organisation eines Balles
mehr als eine Pflichtübung, denn es gilt nichts weniger, als den Stil eines Berufsstandes zu prägen. Und da lautet die
erste Regel wie schon im richtigen Leben "Was nichts kostet, taugt nichts." Soll doch die Bäcker-Innung in die Mehrzweck-Stadthalle gehen, für Juristen ist das erste Hotel
am Platz gerade gut genug. Das mag man angemessen finden, um die
mutmaßliche Bedeutung der Juristengarde im öffentlichen Leben auch auf dem gesellschaftlichen Parkett
gebührend darzustellen. Da aber andererseits der durchschnittlich sparsame Mittelstandsanwalt nicht bereit wäre, exorbitante Eintrittspreise zu entrichten, um den Herrn
Landgerichtspräsidenten nebst Gattin beim
schwungvollen Cha-Cha-Cha beobachten zu dürfen, kommt es doch häufiger zu gewissen Divergenzen zwischen Verpackung und
Inhalt eines solchen Events.
Einsparungstricks gibt es hier so einige, der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Ich will von den Tombolas besser nicht anfangen, denn Tombolas sind inzwischen ein zwar
lästiges, aber sozial anerkanntes Mittel der Werbeindustrie,
Sperrmüllgebühren zu vermeiden. Beihilfe hierzu sei jedem Veranstalter unbenommen, mir geht es dagegen um
subtilere Gemeinheiten. Sei es, dass die Begleitband aus gefürchteten Hobbymusikern der örtlichen Sozialrechtszene besteht, denen man für diese
geringe Gegenleistung
freien Eintritt versprochen hat. Oder sei es, dass zur Auflockerung des Programms ab Mitternacht ein DJ verpflichtet wurde, der seine Plattensammlung zuletzt kurz nach dem
Assessorexamen des
Ehrenvorsitzenden des Anwaltsvereins aktualisiert hat. Besonders perfide sind auch stille Abreden mit dem Verpächter über Getränkepreise, denn
kostet das Bier (0,33 Liter, im Rheinland auch mal weniger) zwischen vier und sechs Euro, so kann man Nachlässe bei der Saalmiete bequem über den Abendkonsum finanzieren und
die Schuld auf den Hotelbesitzer schieben, der (wie jedes Jahr) einfach nicht mit sich reden lassen wollte. Hier lassen sich auch
bemerkenswerte Koppelungseffekte
erzielen, denn wenn der geneigte Gast erst einmal angekommen ist, ist er schließlich gezwungen, das Beste aus dem begonnenen Abend zu machen. Und je schlechter die Musik,
desto höher der Alkoholkonsum, das ist ein ehernes Gesetz.
Eines der schönsten Beispiele für
meisterhaftes Improvisationstalent begegnete mir übrigens einst beim Ball des juristischen Nachwuchses einer renommierten
Universitätsstadt, in der ich meinen Studien nachgehen durfte. Die Studentenvertretung hatte, im
Bewusstsein zukünftiger Bedeutung, keine kleinen Brötchen (Hallo,
Bäcker-Innung!) gebacken, und ein Fünf-Sterne-Haus angemietet, das für seinen
prächtigen Ballsaal bekannt war. In froher Erwartung lud ich also mehrere Menschen aus
meinem auch nicht-juristisch geprägten Bekanntenkreis hinzu, wir veranstalteten drei Wochen lang
regelmäßige Übungstanzstunden, und allein die Damen investierten
erheblichen kreativen und finanziellen Aufwand in Garderobe und sonstige Accessoires, da frau sich in solch exklusivem Ambiente natürlich nicht unter Wert verkaufen wollte.
Die böse Überraschung folgte allerdings auf dem Fuß, als wir in
vollem Pomp den edel geschmückten Saal betraten. Denn offensichtlich hatte die Saalmiete sämtliche
Einnahmen des würdigen Ballkomitees bereits im Voraus aufgefressen und folglich leichte Korrekturen am sonstigen Programm erforderlich werden lassen. Kurz, auf der riesigen
Bühne, umgeben von
kordelbehängten Vorhängen, bestrahlt von vielarmigen Lüstern, sich widerspiegelnd in perlenden Schaumweingläsern, stand – eine Stereoanlage
von Grundig. So schwebten also mehrere Hundert Smokings und Ballkleider zu kaum hörbaren CD-Klängen wie in Zeitlupe durch den Saal und einziger Trost blieb, dass man einen
quasi lautlosen Takt auch nicht verfehlen konnte. Es war in seiner Schwerelosigkeit durchaus
ein denkwürdiger Abend, aber der sanfte Spott meiner Begleiterinnen und
Begleiter folgt mir natürlich bis zum heutigen Tag.
Dieses Jahr werde ich übrigens nicht zum Juristenball gehen, denn ein befreundeter Ingenieur hat mich zum parallel stattfindenden Techniker-Ball eingeladen. Zwar ist zu
befürchten, dass dort die Maßstäbe für lärmige Musik und
DIN-genormtes Hackentreten noch einmal neu definiert werden, dafür eignet er sich aber hervorragend für
Mandantenakquise. Und die Kollegen sind ja bekanntlich anderweitig beschäftigt.
Mit den besten Grüßen,
Ihr
Justus A. Bonus
Kontakt:
justus.bonus@jurawelt.com